Predikt – Seligsprechung

Seligsprechung von Schwester Alfons Maria Eppinger
(Straßburg, 9. September 2018)

Liebe Brüder und Schwestern,

die Kirche von Straßburg freut sich, dass eine ihrer Töchter, Schwester Alfons Maria Eppinger, heute in das Verzeichnis der Seligen aufgenommen wurde und als Vorbild eines Lebens nach dem Evangelium dienen kann. Wir wissen, dass sich die ganze Diözese auf diesen Tag vorbereitet hat, indem sie sich mit der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit beschäftigt und mit der Frage, wie man heutzutage heilig werden kann, auseinandergesetzt hat. Die feierliche Seligsprechung, 150 Jahre nach ihrem Tod, ist eine willkommene Gelegenheit, die Aktualität ihrer Botschaft und ihrer Person neu zu entdecken. Diese einzigartige Frau hat ein lebendiges Zeugnis christlichen Lebens mit einer tiefen spirituellen Prägung abgelegt.

Zu ihren Lebzeiten hat die Selige Alfons Maria durch ihr heiligmäßiges Leben und die heroischen christlichen Tugenden Bewunderung bei denjenigen erweckt, denen sie begegnete.

Vor allem zwei Aspekte haben ihr Leben bestimmt: zu erkennen, was Gott gefällt und seinen Willen zu erfüllen.

Schon als Kind – als sie noch Elisabeth hieß – sah sie eines Tages unterwegs eine Station des Kreuzweges und fragte ihre Mutter: „ Warum haben sie Jesus gekreuzigt?“ „Mein Kind, er wurde wegen unserer Sünden getötet“, antwortete die Mutter. „Aber was ist eine Sünde?“ beharrte Elisabeth. „ Es ist eine Beleidigung Gottes…“ „ So will ich ihn nicht mehr beleidigen“, rief sie aus. „ Ab diesem Moment, so schreibt sie später, nahm bei mir täglich der Wunsch zu, zu erkennen, was man tun muss, um Gott zu lieben und ihn nicht zu beleidigenDas hat mich tief erschüttert und mich veranlasst, zu gehorchen.

Aber wir dürfen nicht meinen, dass Elisabeth ein vollkommen frommes und fügsames Kind war; im Gegenteil: sie hatte eine starke Persönlichkeit und war oft widerspenstig. Sie erzählt selbst: „ Als Jugendliche hatte ich sehr mit meinem jähzornigen Wesen zu kämpfen … Wenn mir jemand widersprach, wurde ich wütend. Und wenn meine Eltern mir eine Arbeit auftrugen und ich fortgehen musste, dann war ich oft ungehorsam… Uns so betete ich folgendermaßen: „Jesus, Du weißt, dass ich gehorchen möchte. Gib mir die Gnade, Dich zu kennen und zu lieben“. So beginnt eine ernsthafte und einfordernde Verpflichtung: Elisabeth lernt nach und nach auf die Stimme Gottes zu hören. Die Vertrautheit mit ihm wächst, bis ihr zwei entscheidende Aspekte bewusst werden: wie sehr Gott sie liebt und wie viele Menschen dieser Liebe gegenüber gleichgültig bleiben. Selbst tief von der Liebe Gottes ergriffen, wünschte sie sehr, dass alle Menschen die Erfahrung der nie endenden Liebe Gottes machen. So wächst in ihrem Herzen deutlich der inständige Wunsch, selbst ein Werkzeug der Liebe Gottes zu werden: sie möchte alle Menschen erfahren lassen, wie sehr Gott sie liebt.

Diese intensive und von Freude überströmende Verkörperung der Liebe Gottes lässt die Personen, denen sie begegnet nicht gleichgültig. Durch ihre Lebensweise angezogen und von ihren Worten inspiriert, bildet sich eine kleine Gruppe von Freundinnen, die gemeinsam das Evangelium und das barmherzige Herz Jesu betrachten: die Haltung Jesu gegenüber denjenigen, die geistig und körperlich leiden und gegenüber den Sündern. Sie möchte ihr Herz und das Herz der Freundinnen nach dem Herzen Jesu bilden, um wie er der gute Samariter zu sein. Sie empfängt den Ruf Jesu: „Geh und handle genauso“ (Lk 10,37) an sie persönlich gerichtet. So entsteht die Kongregation der Schwestern vom Göttlichen Erlöser, die berufen ist, das Charisma Elisabeths, die sich von nun an Alphons Maria nennen wird, zu leben. Das Zentrum des Charismas ist die Barmherzigkeit Gottes. Diese Barmherzigkeit wird konkret umgesetzt, indem die Schwestern den Armen in ihren geistigen und materiellen Nöten beistehen. Sr. Alfons Maria möchte mit ihren Schwestern die Werke der Barmherzigkeit ausüben.

Unter ihrer Anleitung helfen die Schwestern den Leidenden auf einfache und konkrete Art und Weise ohne Unterschiede von religiöser Zugehörigkeit oder Herkunft. Sie werden zu Missionarinnen der Nächstenliebe und setzen sich mutig bei Epidemien ein: einige stecken sich hierbei an und sterben. Sie wachen Tag und Nacht an den Krankenbetten, sind sehr erfinderisch, um Leben zu retten und die Ansteckungsgefahr einzudämmen, stehen den Sterbenden bei, trösten die

Familien und reden ihnen gut zu, nicht aufzugeben. Während des Krimkrieges haben sie die Verletzten in den Feldlazaretten gepflegt und sind der Armee gefolgt. Dr. Kuhn von Niederbronn schrieb: „ Diese jungen frommen Frauen begnügen sich nicht damit, die Kranken Tag und Nacht zu pflegen, sich der Ansteckungsgefahr auszusetzen und den Ekel zu überwinden, sondern sie gehen auch in die Hütten der Armen und bringen ihnen geistlichen Trost. Sie verhalten sich vornehm bei den rauen Sitten, sie erziehen zur Sauberkeit, wo diese weder vorhanden noch geschätzt war und erteilen den Kindern der entlegenen Dörfer, in denen es keine Schulen gibt, Unterricht.“

Woher kommt dieser missionarische Eifer, den die Selige Alfons Maria Eppinger ihren Schwestern eingepflanzt hat? Indem sie Christus den Erlöser, der am Kreuz starb, betrachtete lernte sie, was Selbsthingabe bedeutete. Ihr ganzes Verlangen war, für Christus zu leben und zu wirken, ihn in seiner Sanftmut, seiner Demut und seiner Liebe nachzuahmen, um ihm allein zu gefallen. Gern äußerte sie immer wieder: „ Gott in Gott sehen, Gott im Nächsten sehen, Gott in allem sehen.“ Diese Worte sind eine wunderbare Zusammenfassung des außerordentlichen Zeugnisses für das Evangelium der neuen Seligen. Sie sind sehr aktuell. Es ist heutzutage überaus notwendig, die authentische christliche Liebe zu bezeugen: nicht als abstrakte Idee, sondern als konkrete Hilfe für die Mitmenschen, vor allem für die Schwachen und Armen, die der Leib Christi sind. Der Heilige Vater Papst Franziskus ruft uns dies in Erinnerung, indem er zu sagen pflegt, „dass eine Liebe, die nicht anerkennt, dass Jesus Fleisch angenommen hat, nicht die Liebe ist, die Gott uns gebietet. Anzuerkennen, dass Jesus seinen Sohn gesandt hat, der Mensch wurde und wie wir gelebt hat, bedeutet so zu lieben wie Jesus liebt; lieben so wie Jesus es uns gelehrt hat; lieben und den Weg Jesu gehen. Und der Weg Jesu ist die Hingabe des Lebens.“ (Predigt vom 11. Nov. 2016 in Santa Marta).

Ihr ganzes Leben lang hat die Selige Alfons Maria Eppinger in Worten und Taten bezeugt, dass Jesus nicht nur zu uns gekommen ist, um über die Liebe des Vaters zu sprechen, sondern dass er als Person seine unermessliche Barmherzigkeit verkörpert, indem er diejenigen heilt, denen er begegnet. Sie hat in der armen und bedürftigen Menschheit die Wunden Jesu erkannt und ist für sie zum Werkzeug der barmherzigen Liebe Gottes geworden. Die Erfahrung unserer Seligen, die die Kirche als Vorbild anerkannt um Jesus nachzufolgen, regt uns dazu an, die Menschen, denen wir täglich begegnen zu lieben und für sie Werkzeuge der barmherzigen Liebe Gottes zu werden.

Wir feiern diesen Ritus der Seligsprechung in einer Stadt, die in gewissem Sinn das Herz Europas darstellt, denn es befinden sich hier die grundlegenden Institutionen der EU. Von hier aus geht ein eindringlicher Appell an den gesamten europäischen Kontinent, der mehr und mehr durch den Egoismus versucht ist, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Dies ist der Aufruf der Seligen Alfons Maria: dieser mutigen und starken Frau mit ihrem Zeugnis eines außerordentlichen christlichen Lebens. Sie lädt alle Europäer dazu ein, ein offenes Herz zu haben, eine wirksame und aufgeschlossene Liebe zu bezeugen, die bereit ist sich zu den Bedürftigen aufzumachen: den Schwachen, den Gescheiterten, den Zurückgewiesenen, den Kranken, denjenigen, die vor Krieg, Gewalt und Verfolgung fliehen müssen.

Preisen wir diese in Gott verliebte Frau und unermüdliche Ausspenderin seiner Barmherzigkeit an die leidende Menschheit. Ehren wir die treue Dienerin des Evangeliums und unerschrockene Zeugin der Liebe Gottes. Nehmen wir ihre Botschaft an und folgen wir ihrem Beispiel, um glaubhafte Zeugen Christi, der unser Friede und unsere Hoffnung ist, zu sein.

Sagen wir gemeinsam: „Selige Alfons Maria, bitte für uns!“

Es ist von Bedeutung, dass diejenigen, die die freigebige Arbeit der Töchter der Gründerin Mutter Alfons Mariasss, kennenlernen, die in aller Welt wirken, besonders bei den Armen, den alten Menschen, den Kranken und Behinderten, den Ursprung dieser fortdauernden apostolischen Dynamik verstehen.

Kardinal Giovanni Becciu, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse